Bericht über unsere Studienreise nach Tallinn

Die traditionelle Bildungsreise führte die Berliner Nachwuchsführungskräfte in diesem Jahr nach Tallinn: Am 13. und  14. September 2018 standen Besuche bei der Stadtverwaltung, im Ministerium sowie bei verschiedenen Institutionen auf dem Programm. Die Reise stand dieses Jahr unter dem Schwerpunkt E-Government und so wollten wir der Frage nachgehen, wie Estland es schafft, der Vorreiter in Sachen Digitalisierung zu sein.

12. September 2018: Annäherung an Estland

Die Studienfahrt begann bereits am Mittwochabend mit einem Gespräch mit Elisabeth Bauer, der Leiterin des Auslandsbüros der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) für die Baltischen Staaten. Sie gab uns einen kurzen Einblick in die aktuelle politische Situation in Estland sowie der beiden anderen baltischen Staaten. Dabei wurde insbesondere auch auf das beherrschende Politikfeld der estnischen Außen- und Sicherheitspolitik und das Verhältnis Estlands zur EU, NATO sowie Russland eingegangen.

13. September 2018: Digitalisierung in Strategie und Praxis

Der Tag begann mit grundlegenden Einführungen zum Thema E- Government in Estland im E-Estonia-Showroom, einem eigens konzipierten Raum mit praktischen Beispielen zur Anwendung von E-Government-Lösungen. Hier war kürzlich auch der Regierende Bürgermeister Berlins zu Gast! In einem Vortrag lernten wir, dass die Esten einen sehr pragmatischen Ansatz hinsichtlich der Digitalisierung fahren. Sie wird als Werkzeug angesehen, das Verwaltung leichter und transparenter macht. Zu den Punkten, die uns beeindruckten, zählten die Einordnung des Internets als soziales Grundrecht und die Tatsache, dass jeder in Estland eine elektronische ID-Karte besitzt und auch nutzt (98 % e-ID-Nutzung). Damit hat man Zugang zu 99 % aller öffentlichen, aber auch zu privaten Dienstleistungen. Auch einige technische Fragen wurden erklärt. So gibt es mit der X-Road eine Infrastruktur für den digitalen Datenaustausch, z.B. kann das Finanzamt Daten vom Melderegister abfragen, sodass Daten nur einmal vorgehalten werden müssen. Als Bürger*in kann man jederzeit Einsicht nehmen, wer wann welche Daten abgefragt hat. Hinsichtlich der Sicherung der Daten erfuhren wir, dass Estland ein Back-Up seiner Daten auf Servern in Luxemburg lagert, um so bei Angriffen abgesichert zu sein.

Durch diesen Auftakt waren wir gut auf die Praxisbeispiele von E-Government vorbereitet, die wir im Folgenden während unseres Besuchs bei der Stadtverwaltung Tallinn erhielten: Zunächst ging es um das Thema kostenloser ÖPNV, den Tallinn seit 2012 seinen Einwohner*innen bietet und den ca. 50 % der Beschäftigten in Tallinn nutzen. Wir erfuhren auch, dass in Estland seit einiger Zeit selbstfahrende Autos, Ride-Sharing (z.B. Uber) und automatische Roboter zur Paketlieferung erlaubt sind.

Bei einem Besuch im Bürgerbüro mit anschließendem Vortrag wurde uns das Thema digitaler Bürgerservice nähergebracht. Es gibt 600 e-Services, davon 87 volldigital und somit eine fast papierlose Verwaltung. Seit 2003 nutzt die Verwaltung die e-Akte. Die Dienstleistungen sind in einer Online-Datenbank aufgeführt. Durch die digitale Signatur werden rund 5 Tage im Jahr eingespart. Der Ausgangspunkt allen Handels ist die Frage: Was braucht der Bürger und wie kann die Verwaltung ihm dies anbieten? So ist das Ziel, dass nicht der Bürger mit seinen Dokumenten von Amt zu Amt läuft, sondern dies verwaltungsintern – und das in elektronischer – Form abgewickelt wird. Dieser Gedanke wurde nochmals bei einem weiteren Vortrag zur elektronischen Antragstellung für die Genehmigung von Veranstaltungen im öffentlichen Raum verdeutlicht, die vollautomatisch abläuft.

Am Nachmittag waren wir zu Gast im Ministerium für Wirtschaft und Kommunikation des Staates Estland. Dort ist die landesweite Koordination für alle Digitalisierungsprozesse angesiedelt. Madis Raaper, verantwortlich für Cybersecurity, und Ott Verlsberg, Chief Data Officer, informierten uns in einem offenen Austausch über aktuelle Vorhaben und Hürden im weiteren Digitalisierungsprozess. So arbeitet Estland zusammen mit einigen anderen Ländern an der Nutzung von Künstlicher Intelligenz (KI) zur Vereinfachung von Verwaltungsabläufen. Dies wäre der logische nächste Schritt, wenn man Digitalisierung weiter denkt. Außerdem erklärten sie uns ihr Erfolgsrezept der Digitalisierung: Estland begann bereits in den 1990ern mit der Einführung des Online Bankings. Nach und nach wurden immer mehr Prozesse digitalisiert, die eine fühlbare Erleichterung für alle Bürgerinnen und Bürger mit sich brachten. Ein Beispiel ist die elektronische Steuererklärung (die innerhalb weniger Minuten erledigt werden kann) – inzwischen kann man sogar online wählen. Nur drei Dinge sind nach wie vor nicht online möglich: Heiraten, Scheidungen, ein Haus kaufen.

14. September 2018: Cybersecurity, die estnische Gesellschaft und StartUps

Den zweiten Tag starteten wir beim NATO Cooperative Cyber Defence Center of Excellence. Das CCDCOE wurde 2008 als Reaktion auf den Cyberangriff auf Estland im Jahr 2007 gegründet. Das Center erarbeitet nicht nur Materialien zum Thema Cyber Defence – wie z.B. das Tallinn Mannual (https://ccdcoe.org/research.html) – sondern bietet auch Trainings im Bereich Cybersecurity an. Außerdem organisiert das Center jedes Jahr eine große Cybersecurity-Übung (Locked Shields), an der mehrere tausend Personen teilnehmen. Im Jahr 2018 kam es bei dieser Übung zu insgesamt über 2500 Cyberangriffen. Die Präsentation des CCDCOE hat einmal mehr veranschaulicht, dass wir in einem digitalen Zeitalter leben, in dem Begriffe wie Sicherheit in neuen Dimensionen gedacht werden müssen. Ferner hat die Präsentation gezeigt, wie wichtig es für Verwaltungen ist, stets am Zahn der Zeit zu bleiben und relevante Kompetenzen rechtzeitig aufzubauen.

Beim anschließenden Termin in der Deutschen Botschaft gab uns ein Vertreter einen kurzen Überblick in die estnische Geschichte und die Entwicklung seit der Selbstständigkeit Anfang der 1990er Jahre. Gestreift wurden auch das Schulsystem, die Gesellschaft und die Wirtschaft in Estland. Generell sehen die Esten Deutschland und Europa positiv, wobei North-Stream 2 und die deutsche Flüchtlingspolitik kritische Themen sind. In der weiteren Diskussion ging es wieder darum, weiter zu ergründen, warum die Digitalisierung in Estland so erfolgreich ist. So gibt es ein klares Bekenntnis der Politik dazu und die Esten vertrauen ihrem Staat, da es ein anderes Verständnis des Datenschutzes gibt. Der Bürger kann selbst seinen Datenschutz managen und nachvollziehen, wofür seine Daten verwendet werden.

Anknüpfend an das Gespräch am Mittwoch wurde am Freitagnachmittag durch Vertreter der KAS in einer Vortrags- und Diskussionsveranstaltung die Innenpolitik in Estland den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Studienfahrt näher gebracht. Es wurden die aktuellen politischen Parteien und deren Parteiprogramme dargestellt sowie auf aktuelle Themenfelder der estnischen Innenpolitik und den Aspekt der Digitalisierung und deren Auswirkung eingegangen.

Im Rahmen unseres letzten Vortrags berichtete uns eine Mitarbeiterin von StartUpEstonia, einer staatlichen Einrichtung, wie die StartUp-Szene in Estland aussieht und was die Regierung unternimmt, um die StartUp-Szene zu unterstützen. Die Tatsache, dass in Estland sehr viele StartUps angesiedelt sind, veranschaulichte uns erneut, welche positiven Nebenwirkungen die Digitalisierung mit sich bringt. In Hinblick auf die staatliche Unterstützung von StartUps stellten wir fest, dass es durchaus diverse Ähnlichkeiten zwischen den Ansätzen in Estland und Berlin gibt. Besonders interessant war für uns, dass Estland über ein eigenes Visa-Programm für den StartUp-Bereich verfügt und mit Programmen im Bildungsbereich schon jetzt darauf hinwirkt,  dass die Anzahl der Gründerinnen und Gründer auch zukünftig hoch bleibt. Besonders erfreut waren wir, dass die Referentin zeitnah auch nach Berlin reisen möchte, sodass wir die Gastfreundschaft erwidern können.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass auch die diesjährige Bildungsreise, die dank der Unterstützung der Senatsverwaltung für Inneres und Sport durchgeführt werden konnte, wie in den Vorjahren wieder gut gelungen ist.

Wir möchten uns abschließend herzlich bei unseren Gesprächspartnern in Estland für die interessanten Vorträge und die vielseitigen Einblicke bedanken. Wir haben uns ein gutes Bild über die aktuelle Situation in Estland verschafft – ein Land, das doch den meisten von uns eher unbekannt war. Stark beeindruckt waren wir vom Stand der Digitalisierung  – hier konnten wir vor Ort sehen, was möglich ist und viele Anregungen nach Berlin mitnehmen. Um auch weiterhin den Blick über den Tellerrand und die Netzwerkbildung zu fördern, soll im nächsten Jahr wieder eine Bildungsreise stattfinden.

Berliner Spindel bei Xing

Die nächsten Veranstaltungen

  1. Stammtisch am 29.11.2018

    29. November um 17:30 - 20:00

Melde dich für unseren Newsletter an.

Unser Newsletter richtet sich an Nachwuchskräfte innerhalb der Berliner Verwaltung.

Offene Stellen